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Das Paar des Grauens
von Rabbiner Me'ir David ben HaRav Jecheskel HaKohen Kahane

Manche unserer Probleme stammen noch aus den allerersten Anfängen der neueren
jüdischen Ära. "Vater" Zionismus und "Mutter" Emanzipation/Aufklärung setzten
siamesische Zwillinge in die Welt, welche zu jenem doppelköpfigen Monstrum
heranwuchsen, das die politische und psychologische Seelenruhe eines jeden jüdischen
Produktes westlicher Kultur und Ideologie bedroht. Diese Probleme schmerzen und
verängstigen den verwestlichten Hellenisten und bedrohen seine blanke Existenzgrundlage
so sehr, dass er alles daransetzen wird, sie aus seiner Gedankenwelt zu verbannen;
darüberhinaus wird er alles unternehmen, um sicherzustellen, dass jeder, der sie anreisst,
zum Schweigen gebracht wird.

Diese Probleme rühren an die Fundamente jüdischer Identität und die Frage eines
jüdischen Staates. Sie rütteln an den Säulen des Selbstverständnisses eines jeden Juden.
Wer sie aus ihrer Pandorabüchse herauslässt, muss sich wohl oder übel mit ihnen befassen,
und der Hellenist weiß genau, dass er dazu nicht imstande ist. Dieses doppelte Grauen
aber existiert, und es durchdringt alle Facetten jüdischen Lebens. Es lässt sich
genausowenig vermeiden wie die Fragen von Essen, Trinken und Lebensunterhalt. Die
eine Seite betrifft das Überleben des Körpers, die andere die bare Existenz der jüdischen
Seele: die Zwillingsfragen von Schmerz und Qual.

                                                    Der Schmerz

Wofür jüdisch sein? Dem freigeistigen, humanistisch orientierten Juden, der Rassismus
und alle Unterscheidungen von Völkern hasst, der Gleichheit sucht und für die Integration
aller Völker - Eine Welt - eintritt, für Bruderschaft und Brüderlichkeit - was soll ihm
dieses beschränkte Bestehen auf Jüdischkeit? Schon allein die Bezeichnung "Jude"
schafft, sobald sie akzeptiert wird, automatisch zwei Lager, den Juden und den Nicht-
Juden. Jüdisch zu sein bedeutet, einen Unterschied zu schaffen, eine Teilung, eine
Trennung zwischen Völkern. Warum also sollten die Liberalen, Universalisten,
Humanisten - ob in Israel oder im Westen - jüdisch sein?

Wie kann der/die Kämpfer/in gegen Rassismus und Frömmelei seinem/ihrem Kind
klarmachen, nicht dessen geliebten nichtjüdischen Verlobten zu heiraten, der göttlich
aussieht, über Intelligenz und einen milden Charakter verfügt - nur wegen eines Makels
sogenannter "Nichtjüdischkeit"? Und wenn man ihm keinen logischen, liberalen und
humanen Grund dafür anbieten kann, wie sieht dann die jüdische Zukunft aus, und
warum wird soviel Mühe auf Studiengruppen und Seminare verwandt, die sich mit der
"Bedrohung" durch Mischehe und Assimilation abquälen? Natürlich sollte der Liberal-
Humanist vollkommen auf der Seite der Assimilation stehen, die die "Eine Welt ohne
Unterschiede" schafft.

Diese Frage lässt in der Tat dem weltlichen Juden, der sich die Mühe des Nachdenkens
macht, nicht in Ruhe schlafen oder wachen. Zu glauben, es gäbe nichts inhärent
Unterschiedliches im Juden, und dann darauf zu bestehen, einer zu sein, ist noch mehr als
nur der Höhepunkt der Verwirrung und des Mangels an Logik: Es ist ein ideologischer
Widerspruch, der dem Rassismus und der Blindgläubigkeit Einlass in den geheiligten
Raum des Humanismus verschafft.

Der einzige Grund, der einzige logische, moralische und ethische Grund für das
Bestehen darauf, jüdisch zu sein, und auf eine weitere Generation von Kindern, die
dieses "Jüdischsein" fortführen werden, ist die Existenz einer bestimmten
Exklusivität, die mit diesem Judentum zusammenhängt, einer Eigenschaft, die
nichts und niemand anderes hat. Unter der Vorgabe einer allgemeinen Gleichheit von
Blut, Hautfarbe und Gehirn (und es gibt wirklich viele außerordentlich kluge Nichtjuden)
- was besitzt demnach der Jude, das den liberal-sozio-Humanist das Recht auf
Exklusivität und Absonderung von anderen Völkern gibt? Was anderes wenn nicht eine
unlogische, mittelalterliche, rassistische Blindgläubigkeit steht hinter diesem "Stolz" des
"Jüdischseins"?

Für den nichtorthodoxen Rabbiner und den unreligiösen jüdischen Gruppenleiter, die
nicht den Grundsatz einer von G~tt am Sinai gegebenen Tora akzeptieren können, kann
nichts anderes als nur verwirrter Rassismus in dem Bestehen auf Jüdischsein liegen, denn
nur die göttliche Offenbarung am Berge Sinai und die exklusiv dem jüdischen Volk
übergebene Tora bieten den Grund und die Rechtfertigung für das Bestehen auf einem
separaten "jüdischen" Volk. Nur die Tatsache, dass allein die Juden über die göttliche
Wahrheit verfügen, verleiht dem Bestehen auf Absonderung von anderen Völkern Sinn
und Verstand. Der Zionismus steht und fällt entsprechend seiner Verankerung im
Judentum. Ohne jüdische Wurzeln wird er verblassen und absterben - als eine der vielen
unlogischen, reaktionären Forderungen auf Schaffung einer neuen "Nation", wie Tschad
und Guinea.

Für den auch nur ein wenig denkenden Juden gibt es keine Antwort für das Kind, das vor
Glückseligkeit strahlt und seine Absicht verkündet, die Liebe seines/ihres Lebens zu
ehelichen - den noblen, lieben, sanften und klugen Goj oder Schickse. Weder er noch
sein liberaler Tempelzentrum-Reform/Konservativ-Rabbiner verfügen über eine andere
als die pathetische, unlogische und rassistische Antwort. Und wenn man dann diesen
Funktionär, oder den vom Jüdischen Weltkongress oder vom American Jewish Committee
oder vom British Board of Deputies über südafrikanischen Rassismus herziehen hört, der
im selben Atemzug der jüdischen Assimilation und Mischehen den Kampf ansagt, kann
man sich über dieses Trauerspiel nur an den Kopf fassen.

Und der säkulare jüdische Intellektuelle, der dies alles weiß, lebt ein Leben von
brennender Qual. Seine ganze Existenz konzentriert sich nicht etwa auf das Nachdenken
über diesen fundamentalen Widerspruch, sondern wie man diejenigen am besten mundtot
macht, die ihn auf die Tagesordnung setzen. Es handelt sich um eine Tortur, die zu
blindem Hass gegen jene führt, die es wagen, das Thema anzureißen: den fundamentalen
Widerspruch zwischen dem westlichen, demokratischen Standard der Gleichheit,
Integration, Vermischung und Assimilation aller Völker und Kulturen und der jüdischen
Definition, an sich, die nach Absonderung, Trennung und Unterscheidung verlangt. Was
für eine Qual für das jüdische Produkt westlicher Kultur! Was für eine Tortur für den
modernen Hellenisten! Und wie groß erst der Hass gegen denjenigen, der ihn nicht von
der intellektuellen Konfrontation entlaufen lässt!

Und nun zum anderen Grauen, das die erschreckten Intellektuellen keinen Moment Ruhe
lässt:

                                                      Die Qual

An jenem 5. Ijar 5708, dem 14. Mai 1948 standen die Zionisten voller Stolz da und
hörten die Unabhängigkeitserklärung an, in der Folgendes erklärt wird: "Wir verkünden
hiermit die Einrichtung eines jüdischen Staates im Lande Israel". Was für ein Stolz, was
für eine Freude, welche Gefühle, welche Tränen! "Dies ist der Tag, den wir erhofft"
(Klagelieder 2,16), "diesen Tag hat der Ewige geschaffen, lasset uns jubeln und uns
freuen an ihm" (Psalm 118,24).

Dumme Juden. Zwei Paragraphen nach dem, der den jüdischen Staat verkündete, lauert
der Widerspruch, das genaue Gegenteil, die Höllenqual: "Gleiche politische Rechte für
alle seine Bürger unabhängig von Religion...", Demokratie. Zu dieser "Ehe" kam es durch
die Heiratsvermittlung von blinden Sozialisten, kurzsichtigen Liberalen und verlorenen
Humanisten - zur Hochzeit von "Zionismus", dem jüdischen Staat, und "Demokratie".
So erklärte uns jener demosthenische Cambridge-Hybride, Abba Eban, dass "Israel für
immer ein demokratischer, jüdischer Staat" sein werde. Nur dass Eban leider ein
hohlköpfiger Redekünstler war. Mit seinen äußerlichen Bewegungen immer in
harmonischem Einklang mit seiner dahinfließenden Sprache - und innerlich jeder
Substanz und intellektuellen Tiefgangs entbehrend.

"Demokratisch-Jüdischer Staat"? Die Dissonanz des inhärenten Widerspruchs sollte den
tiefsten geistigen Schläfer aufwecken!

Ein demokratischer Staat errichtet nicht die geringsten Hindernisse vor seinen Bürgern.
Seine Definition hat nichts im Sinn mit der nationalen Herkunft seiner Bürger. Die
Tatsache, daß es sich um "Juden" und "Araber" handelt, ist absolut irrelevant für die
Definition des Staates, und natürlich kann dort kein Raum sein für solche Sachen wie das
"Gesetz der Rückkehr", das nur für Juden gilt, oder das Bestehen darauf, den Staat als
"jüdischen Staat" zu definieren. Was können uns nämlich all die Ebans (oder ihre
amerikanischen und europäischen Gegenstücke) über das Recht der Araber in einem
"demokratisch-jüdischen Staat" erzählen, heimlich, still und demokratisch genug Babies in
die Welt zu setzen, die ihnen die Mehrheit im Staate verschaffen? Haben sie das Recht
dazu? Gibt der demokratische Staat den Arabern das Recht, die Mehrheit zu bilden, eine
Mehrheit von Abgeordneten in die Knesset zu entsenden, absolut rechtmäßig ein Gesetz
zu beantragen, das jüdische Gesetz der Rückkehr abzuschaffen und durch ein arabisches
zu ersetzen, den Namen des Staates in "Palästina" umzuändern und die
Unabhängigkeitserklärung so umzuformulieren, dass jeglicher Hinweis auf Juden entfällt?
Haben die Araber dieses Recht in einem demokratischen Staat? Kann es also jemals so
eine Mamser-Schatnes-Mixtur wie einen "demokratisch, jüdischen Staat" geben?

Natürlich nicht, und die ehrlicheren der gequälten Hellenisten und der assimilierten Juden
wissen das natürlich ganz genau. Und diese Qual der geistigen Folter, der Schmerz, der
ihre Seelen und ihren Verstand zerreißt, ist zuviel für sie. Sie müssen sie aus ihrem
Bewusstsein vertreiben oder für immer mit dem Widerspruch kämpfen und sich
entscheiden. Doch das können sie nicht. Und so bäumen sie sich auf in dem
widerwärtigen Hass gegen jeden Juden, der dieses Thema anspricht und damit ihren
intellektuellen Tiefschlaf stört.

Das Paar des Grauens - Schmerz und Qual. Dieses doppelte Grauen, dem der säkulare
Jude nicht ins Gesicht schauen kann. Es gibt aber kein Entrinnen. Denn seine Kinder
werden ihn mit dieser Frage konfrontieren und Antworten verlangen! Und er wird
keine haben. Dann wird er erst seine Kinder verlieren und dann den Verstand. Und
dies ist der furchtbarste und exquisiteste der himmlischen Flüche. Der Jude versucht, den
inneren, grundlegenden, fundamentalen Widerspruch seiner Existenz zu lösen - und
scheitert. Jeder Jona hat seinen Wal und es gibt kein Entkommen.

Und darum hassen sie mich.

8. Sivan 5744 - 8. Juni 1984